Anke Berger
Kunst & Handwerk

Hei-mat,
Substantiv, feminin (die)

In eine Demokratie geboren, machte ich mir bisher keine großen Gedanken über die Frage „was
bedeutet für mich Heimat“ und „wo ist meine Heimat“. Das Wort benutze ich in meinem Vokabular
eigentlich kaum. Eher schon „heimatlos“, so viele Menschen sind ihrer Heimat beraubt und haben
wenig Chance sich eine Neue aufzubauen. Ich nutze eher das Wort „Zuhause“. Auf jeden Fall
wenn ich mit meinem Hund unterwegs bin. Dann geht es früher oder später immer „nach Hause“.
Eine kleine Weile mal hatte ich Heimweh, da war ich um die 18. Eigentlich hat das jeder irgendwie
und irgendwann. So ein Gefühl der Suche in besonderen Lebensphasen, beim Erwachsenwerden,
und des „was jetzt“? Ich setzte mich ins Auto und fuhr zu meinem damaligen, vermeintlichen
Sehnsuchtsort: Duisburg. Dort wurde ich geboren. Bereits um Köln rum rührten sich Zweifel in mir
und noch ein Stück weiter in den Pott rein war ich kuriert. Mich befiel dieses Gefühl des „lost
seins“ nie wieder. Schwefelglocke (damals) sei Dank.
Und jetzt, 2025, muss ich mich aktiv mit dem Wort „Heimat“ auseinander setzten.
Ein Begriff der mich die Nackenhaare stellen lässt. Reaktionär, mit brauner Soße übergossen,
gerne völkisch mißbraucht. Gebe ich zu, mit dem „Heimat“-Begriff zu fremdeln wird mir gerne der
große Bruder „Patriotismus“ um die Ohren geklatscht. Aber wen wundert es: Pa-t-ri-o-tis-mus,
Substantiv, maskulin (der). Martialisch. Da hab ich auch nix mit am Hut. Aber der völkischen
Gesinnung will ich die Heimat auch nicht kampflos (auch martialisch) überlassen.
Also mach ich mich auf die Suche.
Da wäre zuerst die geografische Betrachtung. Nicht einfach. Geboren in Duisburg beginnt schon
der Bruch: in Italien gelebt, zurück nach Duisburg, dann nach Mannheim, immer mal wieder
zurück in den Pott, viele Jahre Brühl-Rohrhof und schließlich Weinheim. Wo soll ich mich da
heimat-technisch ansiedeln? Einen Radius schlagen um die Orte in denen ich gelebt habe? Wo
setze ich den Mittelpunkt? Der gemeinsame Nenner ist Europa.
Dann muss halt der lebenszeitliche Aspekt ran.
Frühe Kindheit, Einschulung, Pubertät, Ausbildung, Kinderkriegen: alles natürlich immer wo
anders (s.o.). Natürlich könnte ich jetzt anfangen und meine Zeit in Tages/Wochen/Monate-
Einheiten umrechnen. Da gibt’s bestimmt was einfacheres.
Also frage ich mich nach meiner sozialen Heimat. Kirche hab ich versucht, hat nicht geklappt.
Politisch weiß ich wo ich nicht zuhause bin. Aber ich will das Ganze jetzt ja positiv betrachten und
abschließen. Mir gefällt die Idee nach den Menschen Ausschau zu halten bei-und-mit denen ich
mich wohl fühle. Da kommen mir doch etliche in den Sinn. Aber ist das „Heimat“? Eigentlich ist
das ja meine Sache, ich kann mir eine Definition aussuchen. Machen andere ja auch, je nachdem
wie sie es brauchen.
Und da wäre ich jetzt auch schon beim Gefühl.
Passt ja auch schön zum Weinheimer Motto 2025 „Heimat ist ein Gefühl“. Eigentlich ein kitschiger
Gedanke. Ich bin so gar nicht romantisch verklärt.
Das Gefühl ist eines unserer menschlichen sieben Sinne. Und hier werde ich fündig. Wohlfühlen
beinhaltet Geruch und Geschmack, die Lautstärke muss für mich erträglich sein (wechselt aber je
nach Bedarf) und meine Augen brauchen auch was nettes.
Also: Wo fühl ich mich wohl?
Alles natürlich immer retrospektiv betrachtet. Es darf auf jeden Fall nicht zu heiß sein (wird sich
wohl in Zukunft nicht vermeiden lassen, da brauch ich eine neue Strategie), und gut riechen muss
es auch. Gerüche sind eh wichtig, da drängeln sich Erinnerungen in den Vordergrund. Manche
Menschen hinterlassen phänomenal gute Gerüche. Oder auch gar nicht. Und schmecken muss es
auch. Manch übler Geruch schleicht sich hintenrum in den Mund und verursacht mir
Halsschmerzen. Und vor meinem inneren Auge lasse ich gerne schöne Momente vorbeiziehen.
Und Nach langem Überlegen - Brainstorming inklusive - bin ich fündig
geworden.
Ich fühl mich wohl, wo ich meine „Sprache“ höre. Wo die Oma "Omma" gerufen wird. Wenn der
Satz meiner Tante mit „Hör ma ..“ beginnt. Das ist nicht der Dialekt des Ruhrgebiets, sondern
das Idiom meiner Familie.
Wenn ich, trotz aller Unterschiede, mit meinem Gegenüber über den gleichen Quatsch lachen
kann.
Ich fühle mich wohl bei vertrauten Gesichtern, aus der Schulzeit, aber auch aus dem hier und
jetzt.
Aber auch wenn ich neue Orte besuche. Ich reise gerne, da kommt mir bestimmt der häufige
Ortswechsel in meinen jungen Jahren zu Gute.
Und wenn ich Spaghetti esse. Dann fühl ich mich zu Hause. 


 
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